Vorab: Bei der Stadtverwaltung in Braunschweig gibt es neben mehreren Suchtbeauftagten eine betriebliche Selbsthilfegruppe. Über die Arbeit dieser Gruppe und wie bei der Stadtverwaltung mit Suchtkranken umgegangen wird, ist aus dem nachstehenden Artikel aus der Hauszeitung der Stadtverwaltung ersichtlich. Ich habe den Artikel aus dem Jahre 2001 "abgedruckt", weil zwei Suchtbeauftragte (Herr Blut und Herr Jodat) Ratschläge geben, wie sich Kollegen und Vorgesetzte gegenüber suchtkranken Beschäftigten verhalten sollen.

Selbsthilfegruppe Alkohol der Stadt Braunschweig arbeitet seit einem Jahr

Wenn aus Genuß Sucht wird

Norbert Maas vom Medienzentrum sprach mit den Gruppensprechern Ingo Blut und Karl Jodat

Das sprichwörtliche "Gläschen in Ehren" will niemand verwehren. Alkohol, gelegentlich und in Maßen genossen, schmeckt gut, regt den Kreislauf an und fördert die Geselligkeit. So weit, so harmlos. Gar nicht so selten wird aber aus dem guten Glas zur besonderen Gelegenheit alltägliche Gewohnheit und dann eine gefährliche Sucht - eine lebensbedrohende, an sich unheilbare Krankheit. Mit der Alkoholkrankheit - aber ohne Alkohol leben - dabei hilft seit gut einem Jahr die Selbsthilfegruppe Alkohol der Stadt Braunschweig den Kolleginnen und Kollegen. Über die Arbeit sprach Norbert Maas vom Medienzentrum im Schulverwaltungsamt mit den Vorsitzenden Ingo Blut und Karl Jodat.

N. Maas: Was ist das für eine Gruppe? Wie setzt sie sich zusammen? Welche Zielsetzung hat Sie?

Ingo Blut: Wir sehen unsere Aufgabe darin, alkoholkranken bzw. alkoholgefährdeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Hilfe zu geben auf dem Weg in die Abstinenz.

N. Maas: Was ich mir überlege, daß wir rund 7.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im städtischen Bereich haben, dann können wir wohl davon ausgehen, daß da auch Suchtkrankheiten vorkommen - und da ist wohl die Volkssuchtkrankheit "Alkohol" an erster Stelle zu nennen. Wie schätzen Sie das ein?

Ingo Blut: Bei Größenordnungen wie der Stadt Braunschweig geht man im allgemeinen davon aus, daß etwa fünf Prozent der Beschäftigten durchaus ein alkoholisches Problem haben könnten.

N. Maas: Das könnten dann an die 300 bis 350 Kolleginnen und Kollegen sein - zumindest nach statistischen Hochrechnungen.

Woran liegt es Ihrer Einschätzung nach, daß so viele Alkoholgefährdete und Alkoholkranke auch zunächst einmal gar nicht auffallen im städtischen Betrieb?

Karl Jodat: Die Nichtbetroffenen an den Arbeitsplätzen versuchen häufig diese Problematik abzudecken - teilweise über Jahre und Jahrzehnte: indem sie die Krankheit den Vorgesetzten gegenüber verschleiern und die Arbeit für den Betroffenen mittun. Das fangen dann eben die Kolleginnen und Kollegen an den Arbeitsplätzen mit auf.

N. Maas: Liegt es vielleicht daran, daß Alkoholkrankheit und vor allem die beginnende Alkoholkrankheit verharmlost wird? "Mal gerne einen trinken" - ich glaube, das gilt immer noch als zumindest nichts besonders Schlimmes.

Karl Jodat: Alkoholkrankheit oder Alkoholtrinken - manchmal auch im Übermaß - werden noch immer sehr verharmlost, die Gefährdung oder auch die Krankheit an sich regelrecht "weggedrückt" aus den Gedanken.

Mut machen



N. Maas: Ich denke, es ist ganz wichtig zu wissen: es muß keiner Angst haben, der alkoholkrank ist oder alkoholgefährdet. Sie wollen den betroffenen Kollegen Mut machen. Sie sollen nicht nur die Angst vor der Entlassung im Genick haben, sondern sich sagen, "Wer sich helfen lassen will, muss diese Angst nicht haben".

Karl Jodat: WENN die Person sich helfen lassen will - das kann nur auf Freiwilligkeit beruhen, und nur dann ist die ganze Sache auch erfolgreich. Wenn der / die Betroffene tatsächlich Hilfe will und annimmt, dann hat er / sie auf jeden Fall auch bessere Aussichten im Betrieb; das ist ganz eindeutig.

N. Maas: Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen: Wer sich auf längere Sicht gegen jede Hilfe sperrt, der muß natürlich auch mit ganz schlimmen Restriktionen rechnen.

Karl Jodat: Dann greift unter Umständen - je nachdem, wie der Betroffene auffällig wird - der Stufenplan, und der führt auch bis zur Kündigung.

Vertraulichkeit garantiert



Ingo Blut: Wir bitten Kolleginnen und Kollegen, die der Meinung sind, ein Alkoholproblem zu haben, sich vertrauensvoll an uns zu wenden. Vertrauen heißt in diesem Fall: all das, was gesprochen wird - zuerst unter vier Augen und später in der Gruppe - bleibt im Rahmen der Gruppe und wird nicht an Außenstehende weitergetragen, denn zum Teil werden ja auch Probleme angesprochen, die ja wohl schon "ans Eingemachte" gehen und bei der oder die Einzelne auch "aus dem Nähkästchen" plaudert.

N. Maas: Wie können Sie konkret in der Selbsthilfegruppe Kolleginnen und Kollegen, die zu Ihnen kommen, helfen - die Verschwiegenheit natürlich vorausgesetzt?

Karl Jodat: Wir können den Betroffenen erst mal Wege aufzeichnen. Außerdem werden in den Selbsthilfegruppen Lebenserfahrungen ausgetauscht, so daß also ein Meinungsaustausch stattfindet; zum Teil aus der eigenen Betroffenheit heraus oder einfach auch eine Meinungsäußerung. Ziel ist es, durch diese Diskussion verschiedene Wege aufzuzeigen, aus denen sie sich dann ihren ganz persönlichen Weg heraus suchen müssen, den die Betroffenen dann unter Umständen begehen wollen. Und wir versuchen dann unterstützend tätig zu werden.

Nach Rücksprache mit dem oder der Betroffenen sind wir natürlich auch bereit, weitergehende Maßnahmen einzuleiten: zum Beispiel die Sozialbetreuung ansprechen oder auch den Amtsarzt oder Betriebsarzt einschalten. Aber solche Sachen können natürlich nur sein, wenn wir den Eindruck haben, daß es notwendig ist, und wenn auf der anderen Seite die betroffene Person das tatsächlich will.

Ingo Blut: Eine Mitvoraussetzung ist, daß sich der Kollege, der betroffen ist, der Gruppe gegenüber auch öffnet und auch wirklich über seine Probleme spricht, so daß er uns die Möglichkeit von Ansatzpunkten gibt.

N. Maas: Der Kontakt und das Gespräch mit der Selbsthilfegruppe sind ganz wichtig; aber ersetzt das auch eine irgendwann notwendig werdende professionelle Hilfe?

Karl Jodat: Auf keinen Fall. Wir haben zwar auch eine Suchthelfer-Ausbildung. Wir können aber keine Therapie oder sonstiges ersetzen. Wir müssen den Betroffenen dann unter Umständen ganz klar sagen: "Da hast Du die Therapiemöglichkeiten. Kümmere Dich darum, daß das in die Wege kommt und daß Du das dann wirklich durchziehst".

N. Maas: Nehmen wir an, die Therapie ist erfolgreich absolviert worden. Was leisten Sie in Sachen Nachsorge?

Karl Jodat: Das ist eigentlich das Hauptbetätigungsfeld der Selbsthilfegruppen: daß wir in der Nachsorge, die dann eben auch noch durch ambulante Maßnahmen der Träger, der LVA oder BfA läuft, ergänzend tätig werden und versuchen, die "Trockengelegten" auf dem Weg in die langfristige Abstinenz zu begleiten.

N. Maas: Alkoholkranke gelten ja allgemein als sehr gesellig, sind es aber tatsächlich nicht. In Wirklichkeit sind sie sehr isoliert. Auch aus dieser Isolation will die Selbsthilfegruppe heraushelfen.

Ingo Blut: In einer Selbsthilfegruppe wird dem Betroffenen eine Gemeinschaft geboten, die ihm behilflich sein kann - wenn er denn will - langfristig den Weg in die Abstinenz anzutreten.

Rufbereitschaft



N. Maas: Dazu trägt auch die Rufbereitschaft bei, die von der Gruppe ins Leben gerufen wurde.

Karl Jodat: Wir haben sämtliche Gruppenmitglieder mit einer Telefonliste versehen, so daß also bei Bedarf - wenn jemand Druck hat, etwas los zu werden - jeder jeden anrufen kann, um durch ein Gespräch Hilfe zu bekommen, zum Beispiel um über einen gewissen "Saufdruck" hinweg zu kommen.

N. Maas: Muß nun jeder, der gelegentlich mal einen "über den Durst" trinkt, Angst haben, er sei alkoholkrank? Wann fängt die ernsthafte Alkoholgefährdung an?

Ingo Blut: Das gelegentliche Bierchen oder der Schnaps ist kein Ausdruck, daß man gleich Alkoholiker wäre. Problematisch wird es schon, wenn eine gewisse Regelmäßigkeit eintritt; man spricht dann beispielsweise vom Problemtrinken, um Dinge zu vergessen. Wer sich also auf dieser Schiene bewegt, sollte sich ernsthaft Gedanken machen, ob er uns nicht ansprechen soll.

Glasiger Blick und Fahne



N. Maas: Worauf sollten denn die Kolleginnen und Kollegen achten, die nicht selbst betroffen sind? Woran erkennen Sie, daß eine Kollegin oder ein Kollege zumindest alkoholgefährdet ist?

Ingo Blut: Zum Beispiel, wenn ein Kollege öfter mal krank wird oder überraschend krank wird oder: wenn ein Kollege mich bei einem Gespräch nicht mehr anschaut - weil er nämlich seine Fahne verstecken will. Das sind so viele Kleinigkeiten, an denen man was erkennen kann. Man kann einem Menschen in die Augen schauen und sehen: Da ist was nicht in Ordnung - das ist dann der berühmte glasige Blick.

N. Maas: Alkoholkranke sind Weltmeister im Täuschen und Tarnen. Wie kann ich diese Tarnung, diese Nebelwand durchbrechen?

Ingo Blut: Wir fordern auch jeden Mitarbeiter auf, sich mit einem solchen Kollegen ruhig einmal unter vier Augen zu unterhalten und ihm zu sagen: "Du, mir fällt etwas auf, was doch etwas außergewöhnlich ist".

N. Maas: Erfahrungsgemäß wird die Gefährdung oder Krankheit im Brustton der Überzeugung geleugnet. Was ist dann zu tun?

Karl Jodat: Dann bleibt also kaum noch etwas über - wenn ich dem Betroffenen helfen will, also vertrauensvoll auch Vorgesetzte einzuschalten und darauf aufmerksam zu machen. Und dann sind auch die Vorgesetzten in der Pflicht, zu beobachten und die Auffälligkeitspunkte zusammen zu tragen, damit über die Einschaltung der Sozialbetreuung tatsächlich akute Hilfe eingeleitet werden kann.


N. Maas: Sollten die Vorgesetzten denn auch die Selbsthilfegruppe einschalten?

Ingo Blut: Wir bitten sogar darum. Unser Wunsch: Vorgesetzte sollten die Betroffenen auf die Existenz unserer Selbsthilfegruppe hinweisen und zu einem Besuch raten. Wenn der Stufenplan erst richtig greift, dann ist es eigentlich schon zu spät. Dieser Stufenplan umfaßt fünf Stufen - vom Hinweis, man möge etwas gegen das Alkoholproblem unternehmen bis hin zur Kündigung. Als oberster Grundsatz gilt aber das Einschalten der Sozialbetreuung.