Alkohol am Arbeitsplatz

Talk im Turm am 2.1.94 mit dem Thema "Alkohol am Arbeitsplatz"

Es ist ja selten, daß über das Thema Alkohol auf attraktiven Sendeplätzen berichtet oder gesprochen wird. Umso erfreulicher war es deshalb, daß in einer der meistgesehensten Talkshows, nämlich "Talk im Turm" interessante Gäste von Erich Böhme eingeladen wurden, um über das Thema "Alkohol am Arbeitsplatz" zu debattieren:

Heinz Noyhus, Journalist ( früher Chefredakteuer der"Quick")
Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Haupstelle gegen die Suchtgefahren Peter Wawerzinek, wenig bekannter Schriftsteller
Prof. Mathias Gottschaldt, Leiter einer Fachklinik für Alkoholkranke
Günter Mast, Schnapsfabrikant aus Wolfenbüttel
Marita Vennewald, Guttemplerin

Herr Gottschaldt ist alkoholkrank und lebt seit 10 Jahren abstinent, Frau Vennewald ist mit einem alkoholkranken Mann verheiratet und lebt aus diesem Grund mit abstinent. Herr Wawerzinek versucht (erfolglos) sein Alkoholproblem in den Griff zu kriegen - hält sich aber nicht für alkoholabhängig.

Der Zuschauer konnte erfahren, daß der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol seit 15 bis 20 Jahren bei etwa 12 l liegt. Nachdem in Frankreich der Alkoholverbrauch in den letzten Jahren um 25% gesunken ist (bei gleichzeitiger Verminderung der Leberzirrhoseerkrankungen um 50% ), führt nun die Bundesrepublik die Liste der "Trinkernationen" an. Etwa 10% der ( erwachsenen ) Bevölkerung trinkt überhaupt nicht, 17% trinken sehr vorsichtig, 42% trinken durchschnittlich. 8% der Bundesbürger schaffen es jedoch, 50% des gesamten Alkohols zu verkonsumieren, sie bringen es rechnerisch auf eine Pro-Kopf-Leistung von 75 l reinen Alkohol (im Jahr).

Von ca 30 Millionen Erwerbstätigen in den alten Bundesländern sind etwa 1,5 Millionen (5%) alkoholabhängig und behandlungsbedürftig - die Zahl der nicht erwerbstätigen Alkoholkranken ( Hausfrauen, Rentner, Studenten usw) wurde nicht genannt. Auch gab es keine Zahlen über die Alkoholproblematik im Osten Deutschlands. Keiner fragte nach der Zahl der Tabletten- und Drogenabhängigen. Der "Jägermeister-Boß" beanstandete die genannten Zahlen: Sie wären aus der Luft gegriffen und überhaupt nicht nachprüfbar. Er wollte auch geklärt haben, wo ein Alkoholkranker "anfängt". Herr Hüllinghorst konnte da helfen: Es gibt in Westdeutschland etwa 1200 Beratungsstellen, 15000 Klinikbetten und 7000 Selbsthilfegruppen. Etwa 500.000 mal im Jahr wird von Betroffenen und Angehörigen bei den Beratungsstellen und den Selbsthilfegruppen nach Hilfe gesucht (, allerdings ohne daß jedesmal eine Therapie begonnen wird).

Aus diesen Zahlen und den Verbrauchsgewohnheiten (ab 280 g Alkohol / Woche = 7 Liter Bier gilt jemand als alkoholgefährdet) wird eine Zahl von 1,5 Millionen alkoholkranken Erwerbstätigen errechnet. (Die Alkoholmenge ist jedoch kein sicheres Merkmal, das Vorhandensein einer Abhängigkeit zu beurteilen: Ein Mann kann 20 Jahre täglich eine halbe Flasche Korn trinken und muß trotz schwerster Organschäden nicht suchtkrank sein. Eine Diplomatengattin, die nur auf Empfängen geringe Mengen trank, wurde ohne irgendwelche organischen Schäden schon nach 6 Wochen krank.)

Die Frauenquote liegt bei 50%, alle Berufsgruppen sind vertreten. Auffällig ist der überdurchschnittlich hohe Anteil an Lehrern und Lehrerinnen. Am Arbeitsplatz ist früh zu erkennen, ob ein Mensch Alkoholprobleme hat. Eine Führungskraft kann im Routinebetrieb die Alkoholprobleme ziemlich verheimlichen, weil die Umgebung (Sekretariat) bei der Vertuschung besonders mithilft. Streß am Arbeitsplatz, das Gefälle zwischen den Leistungsanforderungen und dem Leistungsvermögen begünstigen die Entwicklung der Alkoholkrankheit (während bei den Nichterwerbstätigen die Langeweile als krankmachend gilt). Die wenigsten haben es gelernt, mit dem Unterschied zwischen Müssen/Wollen und Können richtig umzugehen. Sie versuchen mit Alkohol die Situation schönzufärben, anstatt den emotionalen Druck verstandesmäßig zu analysieren und zu lösen.

Der Artikel schildert nicht den Verlauf der Talkrunde. Die Wortbeiträge des sogenannten Schriftstellers waren es nicht wert, auf Papier gebracht zu werden - es sei denn zu dem Thema "Wann kommt ein Alkoholkranker zur Krankheitseinsicht?". Informationssplitter wurden rausgepickt und zu einem kleinen Artikel zusammengefaßt.

Für Sie gab es wohl nicht viel Neues zu erfahren, aber es ist vielleicht ganz interessant zu wissen, wie sachlich in einer Fersehtalkshow das Thema "Alkoholkrankheit am Arbeitsplatz" behandelt werden kann.

Zur Richtigstellung sollte noch angemerkt werden, daß in der mit 15000 angegebenen Zahl der Therapieplätze 4000 Betten für die Behandlung von Drogenkranken enthalten sind. Der Anteil der alkoholkranken Frauen wird von der DHS nicht mit 50% sondern mit 1/3 angegeben.


Klaus Habekost
aus ECHO 1/94


31.01.2001 http://www.suchtkrankenhilfe.net/talkitu.htm
http://home.t-online.de/home/hbkost/sucht/talkitu.htm